Sonderausstellung „Kartonmodellbau – eine 500-jährige Erfolgsgeschichte“

Dr. Heiko Schinke, IT-Spezialist im Max-Planck-Institut für Mathematik in den Naturwissenschaften und beim Verein „Geschichte des Kartonmodellbaus“, hatte der INSPIRATA für eine Sonderausstellung zahlreiche beeindruckende Kartonmodelle zur Verfügung gestellt.

Diese sind aus Modellbaubogen (früher auch Modellier- oder Konstruktionsbogen genannt) durch Ritzen, Ausschneiden, Falten und Zusammenkleben entstanden. Zu sehen waren drei­dimensionale Nachbildungen von Gebäuden, Schiffen, Flugzeugen, Fahrzeugen, technischen Geräten sowie geometrischen Körpern u.a.:

Deutsche Nationalbibliothek Leipzig / Völkerschlachtdenkmal zu Leipzig / Reichstag / Le Mont Saint Michel / La Chapelle russe à Paris / Canterbury Cathedral / Schloss Thun / Schloss Nidau / Schloss Wildegg / Schloss Frauenburg / Burg Schattenburg / „Villa Blumenthal“ bei Bad Ischl / Torturm der Karlsbrücke in Prag / Arabische Schule in Algier / Opel Kadett / Sportwagen Ford Thunderbird / NSU-Roller „Lambretta” / Micky Maus „Western-Express” / Sportflugzeug Klemm L26Va mit Motor Argus As8 / Gotthard Postkutsche / Gütermotorschiff „Vicosoprano“ der Schweizerischen Reederei AG u.a.

Für Familien und Einzelbesucher war die Sonderausstellung zuletzt samstags zwischen 12 und 18 Uhr zu besichtigen – bitte auch immer aktuelle Hinweise beachten!

Seit wann gibt es Modellbaubogen?

Der älteste z.Z. bekannte Bogen stammt aus dem Jahr 1529, ist also fast 500 Jahre alt. Dieses „Sonnenuhrkruzifix“ wurde von Georg Hartmann in Nürnberg von einem Holzschnitt gedruckt, es ist in einer unserer Vitrinen (links vor dem Text-Aufsteller) zu sehen.

Da Papier teuer war und der Druck von Grafiken aufwändig, waren in den folgenden Jahrhunderten Kartonmodellbogen noch kein Massenprodukt. Sie wurden jedoch u.a. bei der Kriegstaktik-Ausbildung adliger Armeeführer eingesetzt. Erste Lehrbücher über „Die Kunst, mancherlei Gegenstände aus Papier zu formen“ entstanden zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Aufbauend auf den Grundlagen der Geometrie und mit zahlreichen Abbildungen versehen wird in dem in Leipzig verlegten Buch von H. Rockstroh die Konstruktion von eigenen Kartonmodellen als „Eine bereits anerkannte nützliche und angenehme Beschäftigung für junge Leute“ bezeichnet.
Der große Boom der Modellbaubogen entstand, als Mitte des 19. Jahrhunderts die große Zeit des reinen Bilderbogens zur Neige ging. Die schnellere Ver­breitung von Nachrichten, gefördert durch technische Errungenschaften, ließen deren Absatz einbrechen. Preiswertes Papier und rationelle Druckverfahren standen zur Verfügung – so entwickelten viele Firmen zur Hebung der Auslastung ein zahlreiches Modellbaubogen-Programm. Zentren der Produktion waren z.B. in Neuruppin (Oehmigke & Riemschneider, F.W. Bergemann, G. Kühn) oder in Epinal (Pinot & Sagaire, Imagerie d’Epinal Pellerin – siehe den Bogen „École arabe en Algérie“ von 1888).

Es wurden, teilweise in Auflagen von über 100 000 Stück, mehrere hundert unterschiedliche Motive angeboten: Häuser, Burgen, Schlösser, technische Errungenschaften, Papiermechanik. Die Bogen, meist nur aus einem Blatt ca. A2/A3 bestehend, kosteten nur wenige Pfennige. Sie waren dazu geeignet, Kindern und Jugendlichen als nützlicher Zeitvertreib zu dienen und sich gleichzeitig spielerisch mit den Gegenständen der Erwachsenenwelt sowie Objekten aus fernen Ländern auseinanderzusetzen. Der Einüben einer exakten und systematischen Arbeitsweise beim Zusammenbau galt als gute Vorbereitung für das Berufsleben und die meist nur minimalen Anleitungen regten die Fantasie und Vorstellungskraft über das fertige Objekt an.

Die weitere Entwicklung bis in die Gegenwart

Um die Wende zum 20. Jahrhundert wurden die Modellbaubogen größer und umfangreicher. So konnten aus mehreren Bogen bereits komplizierte (Kriegs-) Schiffe, Flugzeuge, Luftschiffe oder größere Burgen und Stadt-Ensemble gebaut werden. Immer waren die Modellbogen jedoch ein Spiegel ihrer Zeit: Neuheiten kamen schnell auf den Markt (z.B. der Bogen des Völkerschlachtdenkmales bereits vor der Eröffnung – daher fehlen die Fenster der Ruhmeshalle, die erst später hinzugeplant wurden) oder die neuesten Flugzeuge und Kriegsgeräte.

In den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts begann ein langsamer Niedergang. Bedingt durch neue Entwicklungen (Plastemodellbau) und ein anderes Freizeit­verhalten (Radio, Fernsehen, Reisen) war Kartonmodellbau nicht mehr „in“. Trotzdem bieten bis heute zahlreiche Verlage ein umfangreiches Modellbau­bogen-Programm an bzw. haben die Bogenproduktion in den letzten Jahren wieder neu aufgenommen, z.B. Schreiber-Bogen, HMV, MDK, GPM (Polen), Maly Modelarz (Polen), Betexa (Tschechien), L’Instant Durable (Frankreich). Das Angebot reicht dabei von ganz einfachen Bogen mit wenigen Teilen für die Unterstufe (z.B. eine Murmelbahn oder ein Tuckerboot) bis zu komplizierten Architektur- oder Schiffsmodellen mit mehreren Tausend Teilen!
Besonders in den letzten Jahren hat der Kartonmodellbau wieder einen großen Aufschwung genommen, befördert durch das Internet. Denn alle Kartonmodell-Vorlagen werden heute digital erstellt und zahlreiche Konstrukteure veröffent­lichen diese Konstruktionen auf ihrer Homepage. Diese lassen sich dann leicht auf dem heimischen Drucker ausdrucken und dem Modellbauvergnügen steht nichts mehr im Wege. Insbesondere im asiatischen Raum gibt es sehr umfang­reiche Communities und tausende Kartonmodelle zum Download, inbesondere Manga- oder SciFi-Figuren. Auch große japanische Drucker-Hersteller (z.B. Canon, Epson, HP) bieten eine schier unerschöpfliche Auswahl von realen Modellen sowie Spaß- und Fantasie-Vorlagen.

Besondere Modelle

Eine Besonderheit stellten die in den beiden oberen Fächern der linken Vitrine gezeigten historischen und aktuellen Papiermechanik-Modelle dar. Zusätzlich zum Modellbau gibt es hier Bewegungselemente, z.B. Ofenbilder (angetrieben durch warme Luft), Kurbelmechanik, Sandantrieb.

Auch die bunten geomet­rischen Modelle aus der einzelnen Vitrine rechts waren ein Sonderfall. Sie haben i.A. nur sehr wenige unterschiedlich geformte und recht große Teile, erfordern im Aufbau dafür aber ein deutliches höheres Vorstellungsvermögen.

Weitere Informationen:

Detaillierte Einblicke in die „Geschichte des Kartonmodellbaus“ bietet der gleichnamige Verein auf seiner Homepage unter www.kartonmodellbau.org. Neben zahlreichen Publikationen zum Thema pflegt er eine Datenbank mit Informationen über knapp 20 000 Kartonmodelle aus Vergangenheit und Gegenwart.